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Abschluss der Kältehilfe 2022: Sind wir auf dem richtigen Weg, um Obdachlosigkeit zu beenden?

Auch in diesem Jahr wurde ein Großteil der Kältehilfeangebote zum 31. März beendet. Auf zwei Veranstaltungen wurde dies zum Anlass genommen, um über die Rolle von niedrigschwelligen Angeboten bei der nachhaltigen Überwindung von Obdachlosigkeit zu sprechen. Mit dabei waren u.a. Katja Kipping (Berliner Sozialsenatorin) und Dr. Ursula Schoen (Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg - DWBO).

Pandemie weiterhin eine Herausforderung – trotz mildem Winter

Am Vormittag hatten das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg, die Berliner Stadtmission, die GEBEWO pro und der Berliner Regionalverband der Johanniter zu einem Pressegespräch in den Tagestreff Mitte im Hofbräu Berlin geladen. Zu Beginn stellte Diakonie-Direktorin Ursula Schoen fest, dass die Anzahl der Notübernachtungsplätze der diakonischen Einrichtungen auch in diesem Winter nicht reduziert werden konnten. Dies sei nicht als Erfolg zu werten. „Eins muss uns klar sein: Kältehilfe beendet keine Wohnungslosigkeit“, erklärte sie. Einer der Gründe sei, dass es nach wie vor zu wenig qualifizierte Hilfeangebote im Rahmen der Berliner Kältehilfe gibt, um Menschen dauerhaft von der Straße zu holen. „Der Berliner Senat muss daher schnellstmöglich Konzepte entwickeln, wie die Menschen aus der Kältehilfe in gute, sozialarbeiterisch begleitete Unterkünfte kommen und ihnen die Hilfen gewähren, die sie benötigen, um am Ende in einer eigenen Wohnung leben zu können. Wir müssen die Durchlässigkeit des Hilfesystems erhöhen, Menschen mit psychischen oder Suchterkrankungen müssen sofort entsprechende Angebote erhalten und Hürden zur Hilfegewährung müssen abgebaut werden.“

Obdachlose Menschen brauchen einen ganzjährigen Schutzraum

Podiumsteilnehmerin Martyna Zielkowska (Sozialarbeiterin im Tagestreff Mitte der GEBEWO pro), verwies auf die dringende Notwendigkeit von Tagesaufenthalten über die Zeit der Kältehilfe hinaus. Ursprünglich sollten im Tagestreff täglich 200 Menschen versorgt, was aufgrund der hohen Nachfrage auf 300 aufgestockt werden musste. Und auch das reichte nicht aus: Die Besuchszahlen lagen in den letzten Monaten bei ca. 350-400 Personen täglich.

„Die schmerzliche Realität ist, dass mindestens 50 Menschen, die in den Tagestreff kommen, mit leeren Händen und hungrig wieder gehen müssen“, erklärte sie. „Es wird deutlich, dass insbesondere im Umfeld des Alexanderplatzes zusätzliche ganzjährige Möglichkeiten geschaffen werden müssen.“ Insbesondere, um Betroffenen über das freiwillige Angebot einer Sozialberatung einen Weg aus der Obdachlosigkeit zu ermöglichen.

Wohnbauoffensive und bessere medizinische Versorgung gefordert

„Zusätzlich zu den mehr als 2.000 aktuell in Berlin auf der Straße lebenden Menschen und jenen knapp 50.000, die hier in Übergangswohnformen untergebracht sind, benötigen auch die aus der Ukraine kommenden Menschen dringend Wohnungen. Abhilfe kann vermutlich nur eine Wohnungsbauoffensive schaffen, die am besten schon morgen startet“, erklärte Ellen Eidt (Leiterin des Dienstbereiches Diakonie bei der Berliner Stadtmission). Als positiv wertete sie die Entstehung von 24/7-Unterkünften im Zuge der Pandemie. Sie haben in vielen Fällen zu einer Stabilisierung der Lebenssituationen von Betroffenen geführt.

Dr. Christian von Wissmann (Regionalarzt der Berliner Johanniter) erklärte, dass die gesundheitliche Situation von wohnungslosen Menschen „sehr besorgniserregend“ ist. Neben der Wunderversorgung und Infektionskrankheiten sei insbesondere die Zahl psychischer Erkrankungen wie Psychosen sichtlich gestiegen. Besonders schwierig sei nach wie vor die Versorgung von Menschen ohne gültige Papiere. Entsprechende medizinische Angebote seien für sie von großer Wichtigkeit, denn „für viele obdachlose Menschen ohne Papiere sind diese Einrichtungen oft die einzige Möglichkeit, den Impfschutz gegen Corona und eine fundierte Beratung zu erhalten“, so von Wissmann.

Auch in diesem Jahr hohe Nutzung und stellenweise Überbelastung - Frauenanteil nimmt zu

Am Abend hatte die Koordinierungsstelle der Berliner Kältehilfe gemeinsam mit der GEBEWO pro und der Neuen Chance zu einem Fachaustausch geladen.

Zu Beginn stellten Sabrina Niemietz und Jens Aldag (Koordinierungsstelle Berliner Kältehilfe) die Zahlen aus dieser Periode vor. Die Auslastung der insgesamt lag bei 87 % und damit leicht über den Werten der Vorjahre; wobei der Durchschnittswert nicht darüber hinwegtäuschen sollten, dass es an verschiedenen Orten immer wieder zu Überlastungen gekommen ist, was besonders unter Bedingungen des Infektionsschutzes während der Coronapandemie hochproblematisch ist. Auch der Anteil von Frauen, die Angebote der Kältehilfe nutzten, ist im Vergleich zur Periode 20/21 von 20 auf 22,3 % angestiegen – im Durchschnitt suchten 21/22 täglich 187 obdachlose Frauen eine Notunterkunft auf. Die bezirkliche Verteilung von Angeboten fiel erneut sehr unterschiedlich aus: In dieser Periode wurden besonders viele Kältehilfeangebote in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Reinickendorf angeboten. Für die Kältehilfe-Periode 22/23 drohen aufgrund der schwierigen Immobiliensituation in Berlin 400 der rund 1.000 Plätze wegzufallen.

Weitere Zahlen und umfangreiche Auswertungen auf der Webseite der Kältehilfe:
> https://kaeltehilfe-berlin.de/informationen/erlaeuterungen

Podiumsdiskussion und Fachaustausch am Abend

Bei der Online-Veranstaltung am Abend stand ebenfalls die Frage im Fokus, wie niedrigschwellige Angebote in Zukunft gestaltet und finanziert werden müssen – insbesondere im Hinblick auf die europäische Zielsetzung, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden.

Auf dem Podium diskutierten Sabrina Bieligk (Leitung der Notübernachtung am Containerbahnhof, Berliner Stadtmission), Simona Barack (Leitung der Wohnungslosen-Tagesstätte Sozialprojekt Prenzlauer Berg), Tino Kretschmann (Streetworker vom Gangway Straßensozialarbeit in Berlin e.V.) und Ursula Schoen mit Katja Kipping und Oliver Nöll (stellvertretender Bezirksbürgermeister und Stadtrat im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg). Moderiert wurde das Gespräch von Ingo Bullermann (Geschäftsführer Neue Chance). Im Anschluss gab es eine offene Diskussionsrunde mit allen, die zugeschaltet waren.

Katja Kipping benennt neben dem „nach wie vor engen Wohnungsmarkt“ in Berlin die Folgen der Coronapandemie als die größten Herausforderungen für das niedrigschwellige Hilfesystem: „Es ist eine Notwendigkeit, dass wir bei jeder Verordnung und bei jedem Gesetz die spezifische Situation von obdachlosen Menschen mitdenken. Ohne das großartige Netzwerk der Kältehilfe wäre es nicht möglich gewesen, obdachlosen Menschen Zugang zu Tests und Impfungen bereitzustellen.“

Für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg möchte Oliver Nöll neben sogenannten Safe Places und mobilen Toiletten für obdachlose Menschen die Angebote der Kältehilfe in der nächsten Periode weiterhin vorhalten bzw. ausbauen. „Das große Ziel muss es aber eigentlich sein, dass wir 2030 Kältehilfeplätze und niedrigschwellige Angebote in diesem Ausmaß nicht mehr benötigen.“ Ein wichtiger Faktor ist für ihn die Höhe der Tagessätze, die an die heutigen Immobilienpreise, Kosten für den Unterhalt von Gebäuden und eine notwendige sozialarbeiterische Betreuung angeglichen werden müsse.

Ursula Schön fordert, dass das Angebot der Tagestreffs politisch stärker in den Fokus genommen wird und betont: „Die Kältehilfe verbindet die Stadt: Verbände, Vereinigungen, Bezirke und Einrichtungen – alles sind zusammen unterwegs, um dieses Thema anzugehen. Das ist ein ungeheures Potential. An der Kältehilfe kam man lernen, was für den gesamten Prozess der Eingliederungshilfe gilt: Menschen brauchen kontinuierliche Orte und Personen, um Vertrauen aufzubauen.“

Simona Barack mahnt die Kürzungen im Doppelhaushalt für Tagesstätten an: „Wir sind von zwei Personalstellen auf anderthalb gekürzt worden. Auch von anderen Tagesstätten weiß ich, dass diese wahrscheinlich jemanden entlassen oder kürzen müssen. Angebote zur digitalen oder kulturellen Teilhabe für obdachlose Menschen können nicht umgesetzt werden.“

Sabrina Bieligk beschreibt den Bruch für die Ratsuchenden, wenn die Kältehilfeperiode endet und für das Angebot am gleichen Ort ab Frühling ‚plötzlich‘ andere Regeln gelten. Sie plädiert für ein ganzjähriges Hilfekonzept und eine regelmäßigere Vernetzung der Akteur*innen.

„Wir müssen die Menschen auf der Straße so akzeptieren, wie sie sind“, erklärt Tino Kretschmann. „Einige können oder wollen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in eine Einrichtung gehen; z.B., weil es ihnen an Intimsphäre fehlt, wenn sie mit acht, zehn, 20 Leuten mit stellenweise unterschiedlichem Tag-Nacht-Rhythmus in einem Raum schlafen müssen, sie keine Privatheit für die Körperhygiene finden oder sie ihr Hab und Gut nicht mit in die Einrichtung nehmen können.“ 50 % der Menschen auf der Straße hätten zudem keinen deutschen Pass und damit keinen Zugang zu anderen Hilfen: „Für diese Menschen ist die Kältehilfe hervorragend, weil sie einmal in diesem Land die Möglichkeit haben Hilfe zu bekommen, ohne dass sie leistungsberechtigt sein müssen.“

Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde die zukünftige Ausgestaltung von Angeboten und Räumen für obdachlose Menschen und das Thema der Zentralisierung der Kältehilfe und der Zuständigkeit diskutiert.

Es braucht ein Konzept für eine ganzjährige und integrierte Notversorgung

In beiden Veranstaltungen wurde deutlich, dass noch einige Hürden zu überwinden sind, um Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden. Dabei ist eine der zentralen Frage, welche Bedingungen für niedrigschwellige Angebote wie die Kältehilfe geschaffen werden müssen, um effektiv und nachhaltig dazu beitragen zu können. Es wurde noch einmal unterstrichen, dass ganzjährige Angebote und die temporäre Kältehilfe stärker zusammen gedacht werden müssen. Ein Lösungsansatz könnte die Entwicklung hin zu einem ganzjährigen integrierten Notversorgungskonzept im Sinne der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG-W) sein. Dieses sieht zum einen ein Versorgungssystem von niedrigschwelligen Unterbringungsmöglichkeiten und einer ganzjährigen Versorgung mit Nahrung, Kleidung und medizinischer Versorgung vor, das in der kalten Jahreszeit durch Winternotprogramme ergänzt wird. Zusätzlich müsste die Verpflichtung zur Einhaltung von Versorgungsstandards in ASOG-Einrichtungen und eine regelhafte Vermittlung in weiterführende Hilfen und/oder Wohnraum gesichert werden. Ein solches Konzept könnte die Durchlässigkeit zwischen niedrigschwelligen und weiterführenden Angeboten fördern und damit den Betroffenen den Weg in ein festes Zuhause erleichtern. Dies wäre ein wichtiger Schritt, um dem Masterplan zur Beendigung von Obdachlosigkeit ein Stück näherzukommen.